

Kriegergeist
Die Geschichte der MP5 als Anti-Terror-Waffe beginnt mit einer nationalen Tragödie. Bei den Olympischen Spielen 1972 in München überfielen palästinensische Terroristen die israelische Mannschaft und nahmen elf Geiseln. Der anschließende Befreiungsversuch der regulären deutschen Polizei auf dem Flugplatz Fürstenfeldbruck endete in einem katastrophalen Desaster. Die schlecht ausgerüsteten und untrainierten Beamten hatten den schwer bewaffneten Terroristen nichts entgegenzusetzen. Alle elf Geiseln, ein Polizist und fünf der acht Terroristen starben.
Dieser Schock saß tief. Die Bundesrepublik Deutschland erkannte, dass sie eine neue, hochprofessionelle Antwort auf diese neue Art der Bedrohnung brauchte. Unter der Führung des legendären Oberstleutnants Ulrich Wegener wurde eine Spezialeinheit des Bundesgrenzschutzes aufgestellt, deren einziger Zweck der Kampf gegen den Terrorismus sein sollte: die Grenzschutzgruppe 9, kurz GSG 9.
Wegener und seine Männer wussten, dass sie für ihre Aufgabe die beste Ausrüstung der Welt brauchten. Für den Kampf auf engstem Raum, in Flugzeugen, Bussen oder Gebäuden, fiel ihre Wahl auf eine damals noch relativ unbekannte Maschinenpistole von Heckler & Koch: die MP5.
Fünf Jahre später, im "Deutschen Herbst" 1977, kam der Moment der Bewährung. Um die Freipressung ihrer inhaftierten Anführer zu erzwingen, hatte die Rote Armee Fraktion (RAF) den Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer entführt. Um den Druck auf die Bundesregierung massiv zu erhöhen, kaperte ein verbündetes Kommando der palästinensischen Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP) die Lufthansa-Maschine "Landshut" auf ihrem Flug von Mallorca nach Frankfurt und zwang sie zu einer Odyssee durch den Nahen Osten. Nach der Ermordung des Flugkapitäns Jürgen Schumann landete die Maschine schließlich in Mogadischu, Somalia. Die Lage schien aussichtslos.
In einer waghalsigen Operation mit dem Codenamen "Feuerzauber" flog die GSG 9 um die halbe Welt. In der Nacht zum 18. Oktober stürmten Wegeners Männer die Maschine. Ausgerüstet mit ihren MP5, die präzise Einzelschüsse und kontrollierte Feuerstöße erlaubten, schalteten sie die Terroristen in wenigen Minuten aus, ohne eine einzige der 86 verbliebenen Geiseln ernsthaft zu verletzen. Die Bilder der siegreichen, schwarz gekleideten Männer mit ihren markanten Maschinenpistolen gingen um die Welt.
In dieser einen Nacht wurde nicht nur die GSG 9 zur Legende. Es war auch die Geburtsstunde des Mythos Heckler & Koch MP5.
Die MP5 ist mehr als nur eine Maschinenpistole. Sie ist ein Symbol für chirurgische Präzision im Chaos. Sie ist das Werkzeug der besten Spezialeinheiten der Welt. Sie verkörpert den Wandel von der großkalibrigen, ungenauen "Grabenfeger"-MP des Zweiten Weltkriegs hin zu einer hochpräzisen Waffe für den qualifizierten Elitesoldaten. Ihre Genialität und ihr Erfolg lassen sich direkt auf ihren großen Bruder zurückführen, das G3-Sturmgewehr.
Nächste Woche in Teil 2 unserer Serie "Werkzeuge der Stille": Wir reisen nach Israel und schauen uns die unverwüstliche Uzi an – den Exportschlager, der die MP5 auf dem Weltmarkt herausforderte.
"Kriegergeist ist ein Blog über die Kunst der Wehrhaftigkeit aus einer einzigartigen Perspektive. Hier treffen scharfe Analysen zu Waffentechnik und Militärgeschichte auf die Lehren von Disziplin und innerer Stärke. Ein Ort für alle, die verstehen, dass 'friedvoll' nicht 'wehrlos' bedeutet."